Statement zum X*CSD 2016 von Teilen des Orga-Teams

Wir, das Kollektiv der Rattenbar, sowie einzelne Mitorganisator*innen halten es für zwingend notwendig, sich zur Organisation, dem Verlauf und den Vorfällen auf dem X*CSD zu äußern.

Warum geschieht das erst jetzt? Wir wollten einer gemeinsamen Nachbereitung mit Stellungnahme der gesamten X*CSD-Orga den Vorrang geben – diese ist leider gescheitert. Unser anschließender Gruppen-
prozess brauchte seine Zeit.

Wir finden es unerträglich, dass auf dem X*CSD Menschen sexuell belästigt wurden.

Wir finden es ebenso unerträglich, das antisemitische und auch sonst hetzerische Redebeiträge gehalten und die Kritiker*innen der Reden physisch angegriffen, beschimpft und abfotografiert wurden.

Für uns ist der X*CSD ein Kampf- und Feiertag der alternativen LGBT*IQ-Communities.
Wir sollten an diesem Tag mutig, bunt und laut sein, für das auf die Straße gehen was uns eint.

Wir verurteilen jegliche Gewalt, die auf dem X*CSD 2016 stattgefunden hat!

Was ist passiert? Zum einen gab es in der Oranienstraße sexuelle Übergriffe. Die vorhandenen Unterstützungsangebote konnten nicht genutzt werden, da sie nicht ausreichend bekannt gemacht wurden. Für die Größe der Veranstaltung waren nicht genügend Ansprechpartner*innen und Anlaufpunkte auf der Straße sichtbar.

Zum anderen wurden auf der abschließenden Kundgebung zwei Redebeiträge gehalten, die eindeutig antisemitisch waren. Es handelte sich um die Redebeiträge der Gruppe „Berlin against Pinkwashing“ sowie des Wagenplatzes „Kanal“. Beide sind Teil der BDS / F.O.R. Palestine-Kampagne.

Unserer Wahrnehmung nach haben sich deren Unterstützer*innen zu diesen Redebeiträgen im Publikum vor der Bühne platziert, um Zuhörende, die ihren Unmut teilweise lautstark äußerten, zu bedrängen, zu be­drohen und zu attackieren. Als Reaktion auf den zweiten der bewusst hetzenden Redebeiträge folgte ein Pappbecherwurf aus dem Publikum. Dieser wurde im Nachhinein als Rechtfertigung für das aggressive Verhalten der Unterstützer*innen schon seit dem ersten dieser Redebeiträge genutzt. Auch der Becherwurf ist für uns kein akzeptables Mittel der Auseinandersetzung.

Bereits während der Vorbereitungstreffen wurde deutlich, dass es zu mehre­ren Punkten politischen Dissens und Kontroversen innerhalb der Orga gab. Auch wenn es uns mitunter sehr schwer fiel, haben wir dem Konzept einer pluralistischen Veranstaltung zugestimmt. Es war allerdings Konsens in der Orga, dass nichts auf der Bühne passieren sollte, was von Teilen der Orga nicht mitgetragen werden kann.

Dem Rattenbarkollektiv und anderen Mitorganisierenden waren die beiden Redebeiträge im Vorfeld inhaltlich nicht bekannt. Wir bedauern, das sie so gehalten werden konnten. Wir hatten im Orga-Team über unsere ablehnende Haltung gegenüber BDS / F.O.R. Palestine gesprochen, da wir beide als antisemitisch einstufen. Im Plenum wurde versichert, dass die diesbezüglichen Sympathien einzelner Orga-Mitglieder im Rahmen des X*CSD keine Rolle spielen würden, da dies ja nicht von allen mitgetragen würde.

Uns ist bewusst, dass wir als Teil der Organisationsstruktur Feh­ler gemacht haben, die im Rückblick vermeidbar gewesen wären. Für die Größe der Veranstaltung war die Infrastruktur nicht ausreichend und die vorhandenen Awareness-Teams, Safer Spaces und Ordner*innen wurden nicht hinreichend bekannt und kenntlich gemacht. Auf Übergriffe muss schnell reagiert werden können. Die sexuelle und körperliche Selbstbestimmung der Teilnehmer*innen muss geschützt werden.

Über den Minimalkonsens innerhalb einer breit gefächerten Bündnisveran­staltung wie dem X*CSD gibt es inhaltlich viel zu diskutie­ren. Es ist aber nicht akzeptabel, dass eine Gruppe von Menschen diese und andere Veranstaltungen benutzt, um ihre Ansichten mit fragwürdigen Methoden am Plenum vorbei in die Öffentlichkeit zu bringen. Dieses Verhalten ist ein Affront gegenüber dem Großteil des Orga-Teams, den beteiligten Künstler*innen, den Helfer*innen und insbesondere auch gegenüber den anderen Gruppen, deren Redebeiträge dadurch nicht die Aufmerksamkeit erfahren haben, die sie bekommen sollten.

Die physischen Angriffe auf Teilnehmer*innen wegen politischer Differenzen stellen einen Bruch mit allem dar, wofür wir kämpfen.

Wir werden keinen CSD mit verhetzenden Inhalten und verletzendem Verhalten mittragen.

Uns geht es an diesem Tag um queere, alternative und selbstbestimmte Inhalte:

  • für die Akzeptanz und Inklusion aller Identitäten, Gender und Körper; sexuellen Orientierungen und einvernehmlich ausgelebten Vor­lieben die Missbrauch ausschließen;
  • für den Widerstand gegen unmenschli­che Migrations-, Asyl- und Sozialpolitik;
  • für den Kampf gegen Homophobien und Transphobien sowie gegen Sexismen, Rassismen, Antisemitismen und Islamophobien;
  • für Lebensentwürfe jenseits heterosexueller Normen, gesellschaftlicher und geschlechtli­cher Zuschreibungen;
  • für Trans*- und Inter*-Rechte ohne Bevormundung durch Behörden;
  • für barrierefreie queere Szenen ohne strukturellen Rassismus;
  • für gelebte queere Solidarität!

Der X*CSD soll uns stärken und nicht den letzen Nerv kosten. Wir wollen den X*CSD weder spalten noch aufgeben. Wir wollen ihn transparenter, diverser und respektvoller gestalten.

Das Kollektiv der Rattenbar und einzelne Mitorganisator*innen

Berlin, September 2016

Download PDF: X*CSD 2016 Statement Deutsch

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